» CHRONIK DER LAUFENDEN EREIGNISSE «   ~   Nr. Sechs (2017)
Zeitschrift für unzusammenhängende Notizen  ~  © 2017 by Edition Re/Source, Wolfratshausen

Die Welt muß romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder. Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung. Das niedre Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation identifiziert. So wie wir selbst eine solche qualitative Potenzenreihe sind. Diese Operation ist noch ganz unbekannt. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es. - Umgekehrt ist die Operation für das Höhere, Unbekannte, Mystische, Unendliche - dies wird durch diese Verknüpfung logarythmisiert - es bekommt einen geläufigen Ausdruck. Romantische Philosophie. Lingua romana. Wechselerhöhung und Erniedrigung.
Novalis, Fragmente und Studien 1797-1798

Abschied von der Politik
 
Politik ist die Summe der Mittel, die nötig sind, um zur Macht zu kommen und sich an der Macht zu halten und um von der Macht den nützlichsten Gebrauch zu machen.
Machiavelli, um 1515

bedeutet nicht : Keine Meinung haben und nicht wirken wollen ... bedeutet eigentlich (nur) Abschied von unendlich vielen verachtungswürdigen Gestalten, deren Zahl wächst, ansteigt ins Unendliche. Gestalten, die das Leben bestimmten, mein Leben bestimmen. In ihrer unendlichen Beschränktheit, gewählt von noch beschränkteren Kreaturen, vergiften sie meine Lebensbereiche, verpesten meine Luft, ich drohe zu ersticken - (nun wollen wir aber mal nicht übertreiben) - ... ich muß mich ausklinken.
 
Schaun wir mal, was sie zu bieten hat, diese "political world" ...
 
Bob Dylan: Political World
 
We live in a political world
Love don't have any place
We're living in times
Where men commit crimes
And crime don't have any face
We live in a political world
Icicles hanging own
Wedding bells ring
And angels sing
And clouds cover up the ground
We live in a political world
Wisdom is thrown in jail
It rots in a cell
Is misguided as hell
Leaving no one to pick up the trail
We live in a political world
Where mercy walks the plank
Life is in mirrors
Death disappears
Up the steps to the nearest bank
We live in a political world
Courage is a thing of the past
Houses are haunted
Children unwanted
The next day could be your last
We live in a political world
The one we can see and feel
But there's no one to check
It's all a stacked deck
We all know for sure that it's real
We…
 
Unendlich schwierig das politische mit dem privaten Leben zusammenzubringen, geschweige denn einen Übereinklang herzustellen. Der Riss schmerzt gelegentlich. Die Wunde ist offen. Streu Salz hinein, dann fällt dir der Kampf gegen diese Krankheit leichter.
 
TAZ - Sept. 17
 
Die Wähler der Rechten (...) sind zerfressen von Angst und Hoffnungslosigkeit und sind daher für eine Botschaft der Hoffnung und des Optimismus nicht so einfach zu gewinnen.
Man könnte sogar sagen: Sie wollen sie nicht hören. Sie leiden nicht unter Paranoia - sie genießen sie geradezu. Zu glauben, man könne hier mit rationalen Botschaften durchdringen, wenn es in Wirklichkeit um Identitäten, Werte, tiefe kulturelle Entfremdungen geht, ist ein rationalistischer Aberglaube.
Man wird jetzt auf absehbare Zeit, zumindest für die anbrechende Legislaturperiode, akzeptieren müssen, dass die Feinde der Demokratie im Bundestag angelangt sind. Die Feinde der Demokratie muss man bekämpfen; an ihre Botschaften anpassen darf man sich nicht. Und um sie gut bekämpfen zu können, muss man die Gründe ihres Erfolges verstehen.

 
Folgen kann ich dem schon lange nicht mehr, von Verstehen keine Spur. Es ist wie das Eindringen einer Krankheit in deinen Körper; einer Krankheit, die dich von innen heraus zerfressen wird. Ja, die Rechten sind wohl eine Krankheit; eine Krankheit allerdings, die nicht zum Tode führt. Die, die sich als Ärzte ausgeben, als Heiler, die uns heilen & beschützen wollen, Journalisten zumeist, fördern die Krankheit dadurch, daß sie ihr Raum geben in ihren Medien; z.B. in ihren elenden TalkShows.
 
Nein! ich akzeptiere es nicht; ich kann den Zwang (denn das ist es doch) nicht akzeptieren. Warum sollte ich mich der Stimme einiger Schwachköpfe beugen; warum sollte ich Fernsehgebühren zahlen für Sendungen in denen sie ihre Meinung so dreist in die Welt hinausschreien können. (Möglicherweise bekommen sie noch Honorar dafür.) Ich will das nicht!
 
TAZ Deutschland
 
Trotz Deutschlands Förderung von Multikulturalismus und Diversität ist die Arbeitsgruppe über die Menschenrechtslage von Menschen afrikanischer Abstammung tief besorgt. Während Menschen afrikanischer Abstammung eine vielfältige Gruppe sind, kennzeichnen Rassismus, negative Stereotypisierung und struktureller Rassismus ihren Alltag. Sie werden Ziele und Opfer von rassistischer Gewalt und Hasskriminalität. Sie fürchten um ihre Sicherheit und meiden gewisse Orte, weil sie glauben, angegriffen zu werden. Sie sind rassistischer Diskriminierung seitens ihrer Schulkameraden, Lehrer und Arbeitskollegen ausgesetzt sowie strukturellem Rassismus durch die Regierung und das Justizsystem. In Deutschland sind negative Stereotypisierungen von Menschen afrikanischer Abstammung weiterhin verbreitet. Diese Stereotypisierungen führen zu fehlgeleiteten und fehlinformierten Wahrnehmungen von Menschen afrikanischer Abstammung. Trotz des Ernstes der Lage sind sie nicht offiziell als eine dem Rassismus besonders ausgesetzte Gruppe anerkannt. Menschen afrikanischer Abstammung bleiben strukturell unsichtbar.
Aus den Schlussfolgerungen des Berichts der Arbeitsgruppe von Sachverständigen der
Vereinten Nationen zu Menschen afrikanischer Abstammung in Deutschland

LeitKultur - LeidKultur - Christentum - CDU/CSU - Der barmherzige Samariter - die dem Afrikaner (Neger?) aufgezwungene Religion (Christentum???) - und die völlige Nichtbeachtung der Persönlichkeit fußend auf der Herabstufung durch die angeblich höherstehende europäischer LeitKultur - die LeitKultur der "C"SU will leiten, bringt aber nur viel Leid - es gibt keine Neger Herr HerrMann - Was sind negative Stereotypisierungen von Menschen afrikanischer Abstammung? - Blöd wär ich, würd ich sie hier wiederholen.
 
Im Alter von ca. 10 drückte man mir einen "Jugendroman" in die Hand, der von den Heldentaten der deutschen Soldaten im Kampf gegen die Herero und Nama erzählte (mit Bildern!). Oh, ich habe sie verehrt, die deutschen Helden! Nun 60 Jahre weiter und kaum mehr beeinflußbar tritt an die Stelle der Verehrung die Verachtung. Und wenn ich in den Spiegel schaue, entdecke ich ein Gesicht, in dem ich kaum Unterschiede sehe zu anderen Gesichtern - egal aus welchem Winkel der Erde diese Gesichter kommen.
 
Was sind das für Blödköpfe, die aus einer Gruppe (Menschen) viele Gruppen machen wollen (Deutsche, Afrikaner, etc.). Wo ist der Unterschied zwischen diesen "Blödköpfen" und anderen Gruppen, den Küchenschaben z.B. ?
 
Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!
 
Was ist denn der Rassismus anderes als ein Kennzeichen der fortschreitenden Verblödung ... ?!
 
Wer nicht mehr vorzuweisen hat als den eigenen Körper, wenn er auf der Leiter ganz unten steht, verliert die eigene Wohnung, verliert den Halt und stürzt ab (ins Bodenlose). Dann ist kein Platz mehr im Hirn für gerechte Gedanken über andere. Und die Politik beschenkt die, die alles schon haben; die aufrecht stehen können, die einen (Über-)Blick haben könnten, hätten sie nicht ein Brett vor dem Kopf. Und weil der Politiker wiedergewählt werden will, mag er die Schere (zwischen oden & unten, zwischen arm & reich) ...
 
Es lebe die klare Sicht; es lebe die Einsicht, daß es keine Verschiedenheiten gibt; es lebe der Mensch! Vergessen wir die Politik!
 
Solange in den Staaten nicht entweder die Philosophen Könige werden oder die, welche jetzt Könige und Herrscher heißen, echte und gründliche Philosophen werden, solange nicht die Macht im Staate und die Philosophie verschmolzen sind, solange nicht den derzeitigen Charakteren, die sich meist einem von beiden ausschließlich zuwenden, der Zugang mit Gewalt verschlossen wird, solange gibt es, mein lieber Glaukon, keine Erlösung vom Übel für die Staaten, ich glaube aber auch nicht für die Menschheit, noch auch wird diese Verfassung, wie wir sie eben dargestellt haben, vorher zur Möglichkeit werden und das Sonnenlicht erblicken. (Platon, Politeia 473c-e)
 
Wir werden nie aus der Höhle zum Licht kommen - so wie wir gestrickt sind ...
 

Ich mag einfach schlechtgelaunte, geistreiche, brutale alte Leute. (...) Ich kenne ein paar, und ich mag sie sehr. Aber sie sind natürlich gefährlich, wenn man zu sehr in ihren Bannkreis gerät. Sie können Seelen zerstören, und es macht ihnen nichts. (...) Aber es hat etwas Wunderbares - alte Leute, denen schon alles so egal ist, dass sie nicht mehr aufpassen, was sie sagen.
Daniel Kehlmann, NZZ 8.8.2017

 

FRAGMENTE
 
16
Windrichtung - Verklicker
Lebensrichtung - Ausbildung in den
                         Zuchtanstalten
wohin gehen wir ?
wer gibt die Richtung vor ?
der Wind hat mich hergeweht
nicht meine Eltern
                         was haben sie
                         auch schon
                         anzeigen können ?
 
17
Vormittags hinterm Rathaus
der Blick auf den Platz
wie in einem / in dem Gedicht
von Brecht
                         500 m von hier (aus)
                         geboren
um zu flüchten
                         nicht in eine SofaEcke
                         wie ich
er ging an die Wurzel
ich nicht ...
 
18
der Blick auf die "VogelWiese"
gelingt mir immer
                         noch
das Bild ist da und wird
deutlicher
als das von den Dingen
die ich
          vor 10 Minuten sah
 
19

 
20
warum wieder eine SofaEcke
da - oben - auf
der Wiese am Waldrand
im verkrüppelten Baum
dort
hab ich die Ruhe
kann sehen
                         übers Tal
hinweg
weit
in die Ferne
über Hügel & Berge
weit weg
 
21
habe ich noch (?)
etwas
               zu sagen
bis ich emdgültig
meine Löffel
                         für die
                         nur mir
                         zustehende
Lebenssuppe
                         abgeben darf
für immer & ewig
                         die LebensSuppe auslöffeln
 
22
dort wo ich
                         herkomme
                         früher viel
gegangen bin
               da
                         sind die wege
                         verschwunden
gibt nurmehr Straßen
in einem Gewimmel
von Häusern
                    in die man nicht
                    flüchten kann
keine Wege   keine Bäume   keine Tiere
die Landschaft ist leer
voller Häuser
...
 
23

 
Am Rande des Weges
der Buddha aus Stein,
bedeckt mit Schnee,
unbewegt von der Zeit
und allem Tun und Lassen.

OZU                    


Versuch über den Garten
 
… da sind zuerst einmal die Geräusche, nein - die Musik, die man vernimmt, wenn man an einem warmen Sommertag auf einer Liege mit geschlossenen Augen vor sich hin döst … eine ungeheuere Vielfalt der Instrumente … eine ungeheuere Vielfalt der Erscheinungsformen … mittendrin der unvermeidliche Rasenmäher … die Musikstücke wechseln mit den Jahreszeiten … das Brummen der Hummeln im Frühjahr … das Sirren der Libellen … die Liege als komfortabler Logenplatz im großen Musiktheater … und die Töne gehen in immer größere Formen … ich begleite sie und verliere mich in unendliche Weiten … der Weltraum … wir schreiben das Jahr … und schon habe ich mich nicht mehr unter Kontrolle … aber: nirgendwo so viele Düfte, die zu beschreiben mich völlig überfordern würden … es wäre Verrat, würde ich ihre enorme Differenziertheit, Vielfalt, Vielgestaltigkeit zu beschreiben wagen … die Welt der Düfte, die Welt der Sprache, die Welt der Töne - eine unbeschreibbare Welt, unbeschreibbare Welten …
 
… und die Welten vermischen sich: die reale, die entfernte, die vorübergegangene … die Urlaubswelt und die Arbeitswelt … der Garten wird zum Kosmos, auch wenn er sich chaotisch giebt … es ist mir möglich mich in jede Stimmung, in jede Situation (wieder) hinein zu versetzen … ich habe Geduld - ich habe Zeit … ich bin ich … so soll es sein … so soll es bleiben …
 
… wenn diese Fülle und innere Ruhe der Tod wäre, dann wäre er willkommen … aber der Tod ist grau … kein Ort wo du den leichten Wind so intensiv spürst … und kein Ort ist wo du dich dem Sturm so entgegenstemmen mußt, um nicht fortgeweht zu werden … die Geschmeidigkeit der Gurkenpflanzen und Sonnenblumen …
 
… willst du erfahren was Rot sein kann und ausmacht so wie kein anderes Rot so schau sie an, die Tomate … innen und außen strahlt sie …
 
… wieviele Bücher müßte ich schreiben, um dem Garten gerecht zu werden …
 
… in der gehörigen Stimmung wird es leicht möglich, daß du die vielen Sinnesreize einzeln verändern kannst … der würzige Geruch der Rauke wird (nach einigen gedanklich-sinnlichen Bemühungen) zum leuchtend-strahlenden Blau der Kornblume oder zum monotonen Gesang der Nachbarin …
 
… ich werde leichter und leichter … ich glaube ich kann fliegen … ich hebe mich ab und alle Blumen blühen …
 
… ein Garten macht viel Arbeit …
 
… ich möchte ein Blumne in unserem Garten sein …
 
… oder eine Gurke …
 
… giebt es schlechtriechende Erscheinungen im Garten : der Kompost, - die Brennesselbrühe … - … erst wenn du nicht nur die "wohlriechenden" Erscheinungen wahrnimmst näherst du dich einer angemessenen und gerechten Bewertung des Gartens … Versuch, ihm gerecht zu werden …
 
… und dann sind da die vielen Figuren und Gegenstände, die du sehen kannst, wenn du auf deiner Liege auf dem Rücken liegst und die vielen kleinen Wolken beobachtest, die am tiefblauen Himmel (so sagt man doch?) vorüberziehen … und deine Phantasie treibt die herrlichsten Blüten (wenn sie kann) …
 
Gegen Streß, Kummer, Eifersucht, Depression
empfiehlt sich die Betrachtung der Wolken.
Mit ihren rotgoldenen Abendrändern
übertreffen sie Patinir und Tiepolo.
Die flüchtigsten aller Meisterwerke,
schwerer zu zählen als jede Rentierherde,
enden in keinem Museum.
 
Wolkenarchäologie - eine Wissenschaft
Gegen Streß, Kummer, Eifersucht, Depression
empfiehlt sich die Betrachtung der Wolken.
Mit ihren rotgoldenen Abendrändern
übertreffen sie Patinir und Tiepolo.
Die flüchtigsten aller Meisterwerke,
schwerer zu zählen als jede Rentierherde,
enden in keinem Museum.
 
Wolkenarchäologie - eine Wissenschaft
für die Engel. Ja, ohne die Wolken
stürbe alles, was lebt. Erfinder sind sie:
Kein Feuer ohne sie, kein elektrisches Licht.
Ja, es empfiehlt sich, bei Müdigkeit,
Wut und Verzweiflung, die Augen
gen Himmel zu wenden.
(HME)
… du bekommst "Gefühle", du steigst in Höhen auf, niemals zuvor erreicht und "bestiegen" … du verlierst alle Angst, auch die vorm Sterben … die Wolken sind die einzig wirksame Therapie … es reicht eine halbe Stunde …
 
… der Garten: HeilStätte und RückzugsOrt für belastete Seelen … und du bist ein anderer Mensch, wenn du ihn verläßt … bist du glücklich? … ich weiß es nicht …
 
Der blaue Himmel ist blau.
Damit ist alles gesagt
über den blauen Himmel.
 
Dagegen diese fliegenden Bilderrätsel -
obwohl die Lösung immerfort wechselt,
kann sie ein jeder entziffern.
 
Unfaßbar sind sei in höheren Lagen,
nebulös. Und wie sanft
sie hinsterben! So schmerzlos
 
ist wenig hier. Die Wolken,
sie haben keine Angst, als wüßten sie,
daß sie immer wieder zur Welt kommen.

 
Hans Magnus Enzensberger: Die Geschichte der Wolken. 99 Meditationen. Frankfurt am Main (Suhrkamp Verlag) 2003
 

FRAGMENTE
 
8
Brich deine Augen auf und
schau auf die schneefunkelnde Seite
der Welt
es kracht im Gebälk
es rauscht im Getriebe
es widerstrebt mir
es treibt mir den Schnee in die Augen
und ich verliere mich orientierungslos
in der Weite
 
9
morgen hab ich den
                                     DurchBlick
seh dich in der
                            Grünheit
aller Welt
 
10
rücksichtslose Menschen
kein Zugang mehr
                                 über keine Stufen
die Welt verschlossen
kein Zugang mehr
Geisteskrankheiten greifen um sich
bestimmen
 
11
die Welt ist so schlecht
- es gibt keine Brille, so
dunkel, daß
es nicht
schmerzen würde ...
                                    die Augen
triefen ...
                          verschleierte Welt
 
12
das Herz `rausgeschnitten - am Stück
mir gegenüber
aufgestellt
trocknet es langsam aus
wird dürr, ledrig
der Hund verschmäht es
 
13
...a pale flare over marshes
                    where the salt hay whispers to tide's change
Time, space,
                    neither life nor death is the answer.
And of man seeking good,
                    doing evil.
In meiner Heimat
                    where the dead walked
                                        and the living were made of cardboard.

(Ezra Pound, from CXV)

 
14
To confess wrong without losing rightness:
Charity I have had sometimes,
                    I cannot make it flow through.
A little light, like a rushlight
                    to lead back to splendor.

(from Canto CXVI)

 
15
I have tried to write Paradise
 
Do not move
          Let the wind speak
                    that is paradise.
 
Let the Gods forgive what
                    I have made
Let those I love try to forgive
                    what I have made.

(from Canto CXX)

 


 
IST DEUTSCHLAND EIN SICHERES HERKUNFTSLAND ?
 
Deutschland - ja, hier komm ich her, hier ist mein Ausgangspunkt - und - wo ist der Grund, der mich dazu bringt, hier zu bleiben? Warum Stillstand, warum Unbeweglichkeit? Für meine Herkunft kann ich nichts.
 
was habe ich hier verloren,
in diesem land,
dahin mich gebracht haben meine älteren
durch arglosigkeit?
eingeboren, doch ungetrost,
 
abwesend bin ich hier,
ansässig im gemütlichen elend,
in der netten, zufriedenen grube.
 
Es geht uns gut hier : in dieser schlachtschüssel, diesem schlaraffenland. Was ist Sicherheit? Wovor soll ich sicher sein? Vor den nächstbesten nächsten? Was ist denn die stärkste Beeinträchtigung, die mich hier treffen kann? Und - betrifft sie nur meinen Körper?
 
Wär´s gut, gar kein Land zu haben? Frei zu sein von dieser Bindung an dieses Land. Aber wohin? wohin?
 
was habe ich hier verloren, was suche ich
und stochre in diesem unzuständigen knäuel
von nahkampfspangen, genußscheinen,
gamsbärten, schlußverkäufen, und finde nichts
als chronische, chronologisch geordnete turnhallen
und sachbearbeiter für die menschlichkeit
in den kasernen für die kasernen für die kasernen
 
Ja, eingepfercht in Mauern - den Geist (?) und den Körper ... festgewachsen. Änderung : Aufgewachsen in Ruinen, nicht der Zukunft zugewandt.
 
Auferstanden bin ich noch nicht einmal an Ostern!
 
Unhöfliche, rücksichtslose sog. Menschen, die einen wirklichen Respekt nicht verdienen. Gepaart mit Dummheit & Häßlichkeit bilden sie eine nicht spaltbare Einheit auf dem Weg in die Grube. Respekt verdienen sie nicht, die Elenden. Es sind nicht meine Leute!
 
ja wären´s leute wie andere leute,
wär es ein ganz gewöhnliches, ein anderes
als dieses nacht- und nebelland,
von abwesenden überfüllt,
die wer sie sind nicht wissen noch wissen wollen,
in dieses land geraten sind
auf der flucht vor diesem land
und werden flüchtig sein bis zur grube
 
Kein Entrinnen. Nirgendwohin. Keine Richtung zu erkennen. Nebelland. Meterhohe Zäune; abgeschlossen; zu. Kein Entrinnen.
 
da bleibe ich jetzt
ich hadere aber ich weiche nicht
da bleibe ich eine zeitlang,
bis ich von hinnen fahre zu den anderen leuten,
und ruhe aus, in einem ganz gewöhnlichen land,
hier nicht,
nicht hier.
(hans magnus enzensberger: landessprache)

Gibt es eine andere Lösung als das endgültige Erlöschen, Verglühen. Auflösen im Nebel ... ???
 

Ludwig Uhland : Schwäbische Kunde
 
Als Kaiser Rotbart lobesam
zum heil'gen Land gezogen kam,
da mußt' er mit dem frommen Heer
durch ein Gebirge wüst und leer.
Daselbst erhob sich große Not.
Viel Steine gab's und wenig Brot.
Und mancher deutsche Reitersmann
Hat dort den Trunk sich abgetan.
Den Pferden ward so schwach im Magen,
fast mußt der Reiter die Mähre tragen.
Nun war ein Herr aus Schwabenland,
von hohem Wuchs und starker Hand.
Des Rößlein war so krank und schwach,
er zog es nur am Zaume nach.
Er hätt' es nimmer aufgegeben,
und kostet's ihn das eig'ne Leben.
So blieb er bald ein gutes Stück
hinter dem Heereszug zurück.
Da sprengten plötzlich in die Quer
fünfzig türkische Reiter daher!
Die huben an, auf ihn zu schießen
nach ihm zu werfen mit den Spießen.
Der wackre Schwabe forcht' sich nit,
ging seines Weges Schritt vor Schritt,
ließ sich den Schild mit Pfeilen spicken
und tät nur spöttlich um sich blicken,
bis einer, dem die Zeit zu lang,
auf ihn den krummen Säbel schwang.
Da wallt dem Deutschen auch sein Blut.
Er trifft des Türken Pferd so gut,
er haut ihm ab mit einem Streich
die beiden Vorderfüß zugleich.
Als er das Tier zu Fall gebracht,
da faßt er erst sein Schwert mit Macht,
er schwingt es auf des Reiters Kopf,
haut durch bis auf den Sattelknopf,
haut auch den Sattel noch zu Stücken
und tief noch in des Pferdes Rücken.
Zur Rechten sah man wie zur Linken
einen halben Türken heruntersinken.
Da packt die andern kalter Graus,
sie fliehn in alle Welt hinaus,
und jedem ist's, als würd ihm mitten
durch Kopf und Leib hindurchgeschnitten.

Drauf kam des Wegs 'ne Christenschar,
die auch zurückgeblieben war;
die sahen nun mit gutem Bedacht,
welch Arbeit unser Held gemacht.
Von denen hat's der Kaiser vernommen,
der ließ den Schwaben vor sich kommen;
er sprach: "Sag an, mein Ritter wert!
Wer hat dich solche Streich gelehrt?"
Der Held besann sich nicht zu lang:
"Die Streiche sind bei uns im Schwang!
Sie sind bekannt im ganzen Reiche;
man nennt sie halt nur Schwabenstreiche!"
(1814)

 

 
EINE ERINNERUNG AN DAS KINO - WIE ES EINMAL WAR ... :
 
295

Als Lola, die ich mag, hätte ins Kino gehen dürfen, als sie sechs gewesen ist, hätte sie nur einen einzigen Film von John Ford, der zu ihren Lebzeiten gedreht worden wäre, im Kino ansehen können. So schaut sie, wenn sie mit mir in einen John-Ford-Film geht, die Filme eines Mannes an, der für sie nicht erst vor wenigen Wochen gestorben ist, sondern für sie in ihrem kurzen Leben immer schon ein Toter gewesen ist. Mir kommt es dann manchmal vor, als wäre meine Ansinnen an sie wie das, daß im Crash ich ihr vorschlage, mit mir einen Paso Doble zu tanzen. Die Hoffnungslosigkeit, ihr klarmachen zu können, daß das, was sie wird sehen können, mit ihr und mir zu tun haben wird, mag mich beflügeln - doch die Flügel tragen nicht sehr weit. Die Nacht fällt und ich verstumme lautlos.
 
Im Kino entdecke ich ihre wahre Natur. Nur die kalte Nacht ließ mich noch eine Weile an sie kuscheln. Wenn ich sie ansah, war es, als redete ich über Wasserflöhe. Wann wird sie gewußt haben, wer ihre wahren Freunde sind.
 
Die meisten Lolas sind wie die Häuser, in denen sie gezeugt worden sind - ihre ersten Fäuste ballen, die ersten Zähne bekommen, die ersten Schamhaare, die ersten Liebessehnsüchte - vorherbestimmt, wo Doppelbett und Fernseher zu stehen haben und d a ß sie zu stehen haben und zum raschen Altern.
 
Immer mehr wird heute den Jungen das Kino zu einem Fluchtpunkt von etwas, das schon ein mehrfach vermitteltes ist: Motivation des Aufbrechens und Anspruch an das Außen verknäulen sich zusehender, je stärker die Autorität der Familienoberhäupter übergeht auf die Zimmerecken, in denen wir uns früher haben schämen müssen, in denen aber heute die Fernsehapparate ihr geschäftiges Dasein lachen. Der Gegner verliert sich hierdurch sofort ins Allgemeine. Daraus ist auch der enorme Rückgang erklärlich der Vatermorde in den letzten Jahren, wohingegen immer häufiger vorzukommen pflegt, daß angeschossene Fernsehapparate in die Hospitäler eingeliefert werden müssen.
 
Die Jungs, die heute in die Kinos gehen, wissen andererseits, wenn sie in die Kinos gehen, daß sie nur so lange in die Kinos gehen wie sie selber noch keine Familie haben und den eigenen Fernseher einschalten werden zum Abendbrot. Dieses Wissen nehmen sie in die Kinos mit und läßt sie bestimmte Erwartungen stellen. Die Erwartungen wiederum produzieren die entsprechenden Filme.
 
Auch aus diesem Grund stellt die Filmindustrie keine Genrefilme mehr her, sondern nur noch Serien, und auch aus dem Grund, weil sie keine Genrefilme mehr herstellt, ist sie keine Filmindustrie mehr. Das Kino beginnt seine Rolle leichtfertiger als es es nötig hätte zu verspielen; es findet bald nur mehr - für eine elitäre Minderheit von Cineasten und Politniks - in den Ghettos der Repertoirekinos, Filmclubs, Filmmuseen, kommunalen Kinos etc. statt. Die Industrie, die so gut war wie sie war und als kapitalistische Industrie sein konnte, weil sie eine Industrie war und mehr als das, schaufelte ihr eigenes Grab, weil sie nur noch eine Industrie sein will und dadurch zum Verwaltungsapparat verkommt.
 
Aber viele Jungs gehen schon gar nicht mehr ins Kino.
 
Wolf-Eckart Bühler: Meine 295 letzten Gedanken im Kino, in: Icon Nr. 3, Göttingen, November/Dezember 1973, Seite 55-56

 


 
Die hier veröffentlichten Fragmente sind (offensichtlich) Teile / Vorarbeiten / Texte einer Trilogie von Gedichten, die viel später (wahrscheinlich / vielleicht) veröffentlicht werden.

 
FRAGMENTE
 
1
Knusprige Mohnschnitte aufs Blech geknallt
und zurück in die Backstube
mit wiegendem Schritt
                                               - irgendwie
wie John Wayne
                                 - Millionen
winzigster, pechschwarzer Krümel am Boden
: Streuscheiße? : ungenießbar?
 
 
2
wirr streckt er unzählige Arme aus
und bietet mir Zuflucht
                                             - der Baum
- der Baum der Kindheit
                              und Jugend immer auf der Lauer:
                                                             LebensBeobachtungsPosten
                                                             weite Sicht über das Tal hinaus ... dort drüben
                                                             wo die Wildschweine hausen
 
 
3
Immer für die falschen Leute
die Schiffe gekapert
im falschen Auftrag gesegelt
 
Immer in Ecken rumgetrieben
aufm Sofa ganz hinten
(das Sofa stand im Wohnzimmer ganz hinten)
das (dazugehörige) Haus
steht in einem sauren Land - ganz hinten
Und so - so ganz hinten gibt es
eigentlich
nur die Bücher
in die ich verschwinden kann
 
 
4
Das hier
Gelesene ist etwas, das
geschrieben wurde, es ist nicht zu
sagen, es ist keine Politik
es nennt sich Poesie
Das hier
Gelesene ist etwas, das
gesagt wurde, es ist nicht zu
beschreiben, es ist keine Poesie
es nennt sich Politik

 
 
5
Es gibt nur falsche Herren,
                                            die, die
uns in die Irre führen, uns blenden
 
die Silberdistel glänzt im Abendrot
übern Hügel
                        wirrer Schein
                        im Widerschein
                        eine Gestalt
                        weit hinten
                        verschwimmendeKonturen
 
 
6
und wenn du untrennbar mit mir
verbunden bist
was fehlt mir wenn du fehlst
nicht mehr DA bist ???
 
Trauer ist da zu wenig
ein zu kleines Wort
um nicht zu sagen : mickrig
                                      klein
                                      billig
                                      unbedeutend
 
 
7
Ganz allein in einer
weißen Hügellandschaft
                            beschwerlicher Weg für den
                            Jüngling im tiefen Schnee
                            auf selbstgebastelten Skieren
                            (sparsamer / rudimentärer ging nicht)
wenige Spuren
niemals einsam, obwohl allein
 

Darauf läuft es hinaus: der Nutzen eines Menschen, für sich und damit für andere, liegt darin, wie sein Verhältnis zur Natur begreift, zu jener Kraft, der er seine einigemaßen kleine Existenz verdankt. Wenn er ausschwärmt, wird er weniges finden was er besingen könnte, außer sich selbst, und sein Singen, solch paradoxe Wege geht die Natur, wird sich an künstliche Formen hängen, die sich außer seiner selbst befinden. Doch wenn er in sich verharrt, wenn er über die Grenzen seiner Natur nicht hinausdrängt, da er ja Teil der größeren Kraft ist, wird es ihm möglich sein zu lauschen, und was er durch sich hindurch hört, werden Geheimnisse sein, die die Dinge mit ihm teilen. Und durch ein Gesetz der Umkehrung werden seine Formen ihre eigenen Wege gehen. In diesem Sinne führt der projektive Akt, nämlich der Akt des Künstlers in dem größeren Feld der Dinge, auf Dimensionen, die größer sind als der Mensch. Denn im Augenblick, wo jemand in vollem Umfang zu reden anfängt, ist es sein Problem, dem Werk die eigne Ernsthaftigkeit zu verleihen, eine Ernsthaftigkeit, die hinreicht, das Ding, das er schafft, zu bewegen, seinen Platz neben den Dingen der Natur einnehmen zu wollen. Das ist nicht leicht. Die Natur geht mir Ehrfurcht vor, selbst wo sie zerstört. (Ganze Arten gehen unter mit einem Knall.) Aber der Mensch unterscheidet sich durch seinen Atem von anderen Lebewesen. Der Klang ist eine Dimension, die er etweitert hat. Die Sprache ist einer seiner stolzesten Akte. Und wenn der Dichter sich auf dies alles gründet, da es in ihm ja bereitliegt (in seiner Physiologie, wenn man will, aber es ist das, was in ihm lebt, mit allem was dies heißt), dann wird er, wenn er von diesen Wurzeln aus zu reden bereit ist, in jenem Bereich arbeiten, in welchem die Natur ihm Profil verliehen hat, projektives Profil.
Charles Olson


Der Rausch bringt Befreiung
von schwersten Leiden und Nöten ,
sofern er zur rechten Zeit entsteht…
Dauerhaft heilt er den, der an ihm teilhat.
Dem wahrhaft Berauschten
schenkt er Erlösung von den Übeln der Gegenwart.
Platon, Phaidros oder Vom Schönen


 


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