zurück   


 
VorSpiel 2013

 
 
[1969.] Alles ist im Umbruch begriffen. Kein Wert mehr wird als gesichert betrachtet, keine Ordnung mehr gilt als endgültig. Alle Vorstellungen von Gut und Böse, Recht und Unrecht, Wahr und Unwahr sind über den Haufen geworfen. Keiner mehr ist seiner Sache sicher. Eine heilsame Verwirrung hat überall eingesetzt und jedermann nachdenklich gemacht. Verstört beginnt man sich allerorten zu fragen, wie man denn leben solle. (Absatz) Das Problem, wie man die Verhältnisse zueinander neu ordnen könne, geht an niemand vorbei; es beschäftigt die Menschen in den Betrieben, in den Büros, in den Warenhäusern: kaum einer von ihnen kann sich der Überzeugungskraft der neuen Ideen entziehen. Etwas muß geschehen! ist die übereinstimmende Auffassung; was aber geschehen muß, darüber wird allenthalben nachgedacht, und die Ergebnisse werden in nie gekannter Offenheit diskutiert und in Dialogen, die von allen Seiten - Lohnabhängigen und Lohnunabhängigen, Bemittelten und minder Bemittelten, Oben und Unten - mit der gleichen Einsicht in die Notwendigkeit veranstaltet werden, miteinander abgestimmt. (Absatz) Mit brennender Sorge arbeiten die offiziellen Stellen an Plänen für eine gerechte Aufteilung von Kapital, Grund und Boden, Aufwand der Arbeitskraft, und damit auch an einer gerechten Aufteilung von Gedanken, Schmerzen und Freude. Jeder ist für jedermann offen. Immer mehr Individuen erkennen die Ursache ihres Unmuts, ihrer Alpträume; immer mehr Individuen verlieren die Scham, einander Fragen zu stellen; immer mehr Individuen erkennen an sich ein Bedürfnis durch Fragen die Voraussetzung dafür zu schaffen, daß die Verhältnisse neu geordnet werden. (Absatz) Wie also soll man leben? Wie miteinander leben? Wie einander und sich selber lebend ein Bedürfnis sein? Wie falsche Bedürfnisse durchschauen? Wie echte Bedürfnisse erkennen? Wie die Schmerzen so im Gleichgewicht halten, daß sie notwendig zur Entstehung der Freude gehören? Und wie die Freude so im Gleichgewicht halten, daß sie nicht übermäßig schmerzhaft wird? Und wie Schmerzen und Freude so im Gleichgewicht halten, daß nicht sie beide die Gedanken verhindern? Und wie die Gedanken so im Gleichgewicht halten, daß sie gerade so schmerzhaft sind, daß man sich an ihnen gerade so freuen kann, daß man sie weiterdenken möchte? Wie soll man leben?
 
Peter Handke, Chronik der laufenden Ereignisse, Frankfurt/Main 1971 (suhrkamp taschenbuch 3), Seite 8, 10, 12
 
* * *
 
Gut, daß sie Haufen bilden - die Touris mit ihren Schäufelchen - und so gibt es immer wieder lichte Flecken, wo kaum einer von ihne zu sehen ist. Ein sehr angenehmes Klima (Sonne, 20°, leichter Wind) - so wie wir es uns verdient haben. Man könnte (fast) völlig / vollkommen entspannt sein. Wären da nicht immer wieder die völlig überflüssigen und doch quälenden Fragen. Die sattsam bekannten und nicht genannten.
 
Die Zahl der Beobachtungsobjekte übersteigt mein Fassungsvermögen : zu viele Menschen, Tiere, Sensationen … - Zum Teufel : Warum empfinde ich Mitleid mit einigen dieser Exemplare? Weil ich auch nicht besser bin? Weil sie einem Scheiß-Leben und einem Scheiß-Ende entgegengehen? Ein kleiner Sandsturm verspricht und hält nicht : zumindest eine kleine Katastrophe. Schon die Kinder sind verdorben! Oder gerade richtig für diese Welt : so Ich-konzentriert, daß es weh tut. Selbstbezogene Ich-Vergessenheit-Versessenheit. Um mich herum gibt es keine Welt.
 
Hoffentlich bleiben meine Gedächtnisausfälle auf die alltäglichen Nebensächlichkeiten beschränkt.
 
Manchmal hat ein Scheißwetter auch seine guten Seiten : die Straßen sind (fast) wie leergefegt und der Blick wird weniger belästigt. Allerdings muss man das monotone Pladdern des Regens in Kauf nehmen.
 
Das Musterbeispiel des salbadernden Klugscheißers im TV : der Pastor Hahne : nichts zu sagen, aber das un-mäßig hochtrabend …
 
Ja heit is zünftich - es regnet den ganzen Tag …
 
(Langeoog-Notizen)
 
* * *
 
Thümmel 13
Ein Ding, eine Sache, ein Text, ein Mensch, ein Werk begleitet einen Menschen manchmal eine sehr lange Zeit. Ist treu, ist anhänglich, ist nicht zu verleugnen, klebt. Moritz August von Thümmel ist ein Beispiel. Nach 35 Jahren werde ich ihn (hoffentlich, leider) los. Mehr als in dieser (Gesamt-) Ausgabe, will ich nicht sammeln.
So gesehen ist die vorgelegte CD-ROM als Speicherort auch (irgendwie) ein Grab. Ich kann (gelegentlich) hingehen und einen Blumenstrauß niederlegen (und etwas lesen).
So zählt künftig M. A. v. Thümmel zu meinen vielen Hinterbliebenen.
(22.7.)
 
Juckelbrücke :

LiteraturFachLeute
müssen nicht immer "vom Fach" sein. Man findet sie überall und sie haben zu allem etwas zu sagen. Da sie immer in Eile sind und keine Zeit haben, da sie immer unterwegs sind, weil sie überall "gebraucht" werden, benötigen sie vielfache Hilfe. Sie bedienen sich aller Resourcen, die sie irgendwo herumliegen sehen. Sie springen auf fahrende Züge auf und geben sich als Lokomotivführer aus. Sie bringen nichts in Bewegung, weil sie nichts zu bieten haben. Man findet sie überall: vor allem in Redaktionen, an Universitäten - wo immer Leichen gefleddert werden können. Sie lassen es sich besorgen : von hinten von vorn von allen Seiten …
(23.7.)
 
Gelegentlich der Eindruck, daß die Herrschaften vor 250 Jahren (Herder z.B.) doch etwas lahmarschiger waren als heute. Mag wohl an dem unterschiedlichen Tempo / Geschwindigkeit der Zeit liegen. Auch in dieser Hinsicht ziehe ich das 18. Jhdt. vor. Es lässt Luft, es lässt den Atem frei. Und die Gedanken werden nicht zusammengepresst.
(24.7.)
 
* * *
 
Was man so gezählt hat:
73.000.000 Fernseh-zuschauer (ab 3 Jahren)
80 TV-Sender (durchschnittlich)
Sehdauer (täglich): 212 Minuten
Verweildauer: 299 Minuten
 
Was man nicht kann:
Unterschiede machen bzgl. der Gewohnheiten
(Auswahl der Programme, etc.)
zwischen "gebildeten" und weniger gebildeten Zuschauern.
 
Das ist nun eine recht neutrale Aussage.
Ein Schul(vormitt)tag umfasst 6 Schulstunden á 45 Minuten = 270 Minuten. Die Bildungsinhalte der TV-Schule kann man jeder TV-Zeitschrift entnehmen. Und wem es dann immer noch nicht schlecht wird, dem ist nun nicht mehr zu helfen.
 
Ich fühle eine heillose Barbarei aus dem Boden aussteigen. - Ich hoffe, krepiert zu sein, bevor sie alles mit sich gerissen hat. Aber einstweilen ist es nicht lustig. Nie haben geistige Interessen weniger gezählt. Nie waren der Haß auf alles Große, die Geringschätzung des Schönen, der Abscheu vor der Literatur so offenkundig. - Ich habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben; aber ein Meer von Scheiße schlägt an seine Mauern, genug, ihn zum Einsturz zu bringen.
Gustav Flaubert an Ivan Turgenev, 13. November 1872
 
[Woher kannte Flaubert unsere Fernsehwelt?]
 
Nein nein nein - es ist nicht Altersmissmut oder Unzufriedenheit mit einem verpfuschten Leben … nein nein nein … Es ist wirklich eine nicht mehr zu übersehende zunehmende in unendliche Tiefen gehende Verblödung. Verblödung hier verstanden als das Gegenüber zur Bildung. Noch ist die Schrift das Transportmittel und die Literatur das Fahrzeug.
 
Wenn eine Gesellschaft vor ihrer literarischen Kultur keine Achtung mehr hat, wenn die Achtung nicht so beschaffen ist, daß sie es als achtenswert empfindet, über diese Kultur einigermaßen Bescheid zu wissen, wenn sie also das unaufhebbare Nichtbescheidwissen der Mehrheit - ihre Unbildung - nicht mehr als bedauerlichen Mangel empfindet, der nur durch die Bildung einer kulturellen Elite kompensiert werden kann, dann ist nichts mehr zu machen.
Jan Philipp Reemtsma
 
* * *
 
"Ich habe doch nichts zu verbergen … "
 
Selten wird ein so abgrundtief dummer Satz so oft und mit Nachdruck wiederholt. Hirnamputierte Scheißhaufen sind´s, die ihn mit lächerlich geschwellter Hühnerbrust bewußtlos in die Landschaft trompeten.
 
Und ob ich etwas zu verbergen habe!
 
Der größte Teil meines Lebens spielt sich in den eigenen vier Wänden ab; und ich möchte nicht, daß irgendein dahergelaufener Profalla mir bei diesem Leben zusieht. Hingegen darf Amazon wissen, daß ich mir die neue Dylan-CD gekauft habe oder kaufen werde und daß ich Filme von Godard (immer noch) sehen möchte. Dagegen möchte ich selbst entscheiden, wer mir beim Kochen zusieht … die geschmacklose Angela Merkel (morgens KZ-Gedenkstätte - abends Bierzelt) sicherlich nicht … beim Nasebohren darf mir jeder zuschaun … ! usw.
 
Also : Ich entscheide über mich und sonst niemand …!!!
 
20.08
 
 
Irgendwie im Wahltaumel … und die lächerlichsten Sätze werden "produziert" … ein Kandidat hält das (hölzerne? blecherne?) Wort WORT … in Österreich gesehen: Liebe deinen Nächsten! - Ich liebe meine lieben Österreicher. Ja geht's noch?! Auf welch ein Niveau muss man (mensch?) herabsinken, um solch einen stinkenden Unsinn zu produzieren?
 
16.09
 
Aber was wir auch versuchen mit unseren Filmen, ist einfach, daß die Leute spüren sollen, daß man betro-gen wird, wenn man immer wieder auf etwas verzichten soll. Auf das, und dann auf das, um was zu haben, um Wohlstand zu haben oder Zuwachs. Was man da alles unterwegs aufopfert, für den Fortschritt undsoweiter, ist unmöglich, also ... Wenn keine Quellen mehr in den Bergen fließen, und das sieht man schon am Ätna, es gab keine einzige Quelle mehr, wir sind rumgefahren bis oben, unten, keine einzige. Und wenn die Luft überall verpestet ist, was hat man? Man hat das schon aufgeopfert, dann muß man auch tausend Gefühle aufopfern, wozu?
(Jean Marie Straub)
 

 
DIE NORDSEE
 
- wild (manchmal)
und manchmal auch wieder nicht
Wie launisch ist dies Mächen!
 
      O Meer
      Mutter der Schönheit, der Schaumentstiegenen!
      Großmutter der Liebe! schone meiner!

 
Ich finde kein Verhältnis zu ihr
mit der ich ein Verhältnis habe
 
      Thalatta! Thalatta!
      Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer!

Rückzug
auf die Insel
: festen Boden unter den Füßen
und dann beobachten
was zu sehen ist
      draußen
hinterm Deich
das Dorf       die Menschen
 
Die Eingeborenen sind meistens blutarm und leben vom Fischfang. (...) Was diese Menschen so fest und genügsam zusammenhält, ist nicht so sehr das innig mystische Gefühl der Liebe, als vielmehr die Gewohnheit, das naturgemäße Ineinander-Hinüberleben, die gemeinschaftliche Unmittelbarkeit. Gleiche Geisteshöhe, oder, besser gesagt, Geistesniedrigkeit, daher gleiche Bedürfnisse und gleiches Streben...
 
keine Autos hier -
das macht konfus
und zufrieden zugleich
: Freiheit der Nasen??!
 
(die 'lebendige' Insel:
die durch die Gezeiten sich
verändernde Gestalt:
von West nach Ost...)
 
das Dorf:
      geduckt, aber nicht auf dem Sprung
      eher geängstigt
      und dennoch stolz
      die vielen der See abgerungenen Siege
 
Natur
und
Umwelt
zer
störung:
      den Zeigefinger der rechten Hand
      ausgestreckt
      auf die Schaumkronen deutend:
      "Da siehst Du die Kaputtheit der Nordsee!"
 
      ...sweet Jesus walking on the water...
(The Violent Femmes)
 
Botschaften:
Beliebigkeit produziert Beliebiges
aufgeweicht und fortgeschwemmt
Flaschenpost(en)
 
      Die Wogen murmeln, die Möven schrillen,
      Alte Erinnerungen wehen mich an,
      Vergessene Träume, erloschene Bilder,
      Qualvoll süße, tauchen hervor.
 
angeschwemmt vieles
Zivilisation und Natur
: da kommt Entdeckerfreude auf
Und wenns genügend einsam ist
wird jeder sein eigener Robinson Crusoe
und zimmert sich seine Hütte am Strand
 
      ... Ich liege am Boden,
      Ein öder, schiffbrüchiger Mann,
      Und drücke mein glühendes Antlitz
      In den feuchten Sand.

 
hart - trittfest
Spuren zeichnen
sich kaum ab
bald verweht
ist der Sand
für den nächsten
der nicht lange
auf sich
warten läßt
 
erotisch
die weichen
Rundungen
der Dünen
bewohnt (!) & belebt (!)
von unzähligen Hasen -
: wenn das keine
Anspielung ist
 
monotones Rauschen
wenig Empfindungen
zeitweilig sogar
Ermüdung
das Auge sucht
einen Halt
Wir ziehn uns
zurück
suchen
ein Haus
 
der Tee:
      noch kalt der Kopf
      bald warm der Bauch
      dann Entspannung
      und Ruhe und
      Geborgenheit
 
Es geht ein starker Nordostwind, und die Hexen haben
wieder viel Unheil im Sinne.

 
Ja! ich habe sie gesehen
durch die wilden Büsche
rasend körperlos
überall Gestalten zeugend
die mir Angst
einjagen wollen
dann wieder am Horizont
tanzend und singend
verführerisch und aufreizend
Doch Rettung allein
kommt
 
      aus Deinen Augen
      vielversprechend
      wenn wir
      aufm Deich
      ostwärts gehn
      zum Festland schaun
      auf Rettung
      hoffend
 
Meine Freundin geht neben mir
und ich bin beglückt
Ich frage nicht länger
und ich will auch nichts weiter wissen
denn:        mein Glück -
ich habe es gefunden!
 
      Ich aber, der Mensch,
      der niedriggepflanzte, der Todbeglückte,
      Ich klage nicht länger.

 
(1993)
 

 
die "chronik der laufenden ereignisse" kann beginnen … mit dem festen vorsatz, sich nicht dreinreden zu lassen, von niemandem. mit 58 jahren habe ich genug befehle befolgen müssen, um mir jetzt ein befehlsfreies leben gönnen zu dürfen.
 
Ich bin, der ich bin,
kein anderer hat meine Pflichten,
kein anderer darf für mich denken.
Johann Benjamin Erhard
 
Hat lange gedauert …
 
Nun beneide ich die alten Zeiten. Beinahe bin ich entschlossen, alle meine Vorsätze, der Welt wichtig zu werden, aufzugeben und nur noch danach zu trachten, mich gemächlich tot zu leben.
 
2013